Gewinner Sonderpreis 2015: Investigativ-Ressort DIE ZEIT

Besonders für geschwächte Menschen, für Kinder und Alte können Infektionen durch multiresistente Erreger, sogenannte MRE, schnell lebensbedrohlich werden. Multiresistente Keime kommen in Krankenhäusern vor und in der Massentierhaltung, besonders unter Schweinen und Hühnern. Lange Zeit schien es, als habe die Menschheit ein Wundermittel dagegen gefunden: Antibiotika. Wegen ihrer überlebten Menschen Blutvergiftungen oder Lungenentzündungen. Doch die Mittel verlieren an Kraft. Immer mehr Krankenhauskeime werden unempfindlich. Von 400.000 Menschen, die sich jedes Jahr mit Krankenhauskeimen infizieren, sterben nach offiziellen Zahlen bis zu 15.000. Neue Recherchen von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT, der Funke-Mediengruppe und CORRECT!V zeigen: Es sind viel mehr.

Mit ihrer Artikelserie „Tödliche Keime“ hat das Investigativ-Ressort der ZEIT heftige Reaktionen ausgelöst:

In einem Artikel vom 17. Dezember 2014 berichtete Stephan Lebert, Ressortleiter Investigativ der ZEIT auf ZEIT ONLINE, unter dem Titel: Multiresistente Keime: „Als Sozialdemokrat schäme ich mich“:

» Es gab eine Menge wütender Reaktionen auf die Serie Tödliche Keime“. Lautstarker Höhepunkt war eine Demonstration zorniger Bauern vor der ZEIT-Zentrale in Hamburg am 28. November, mit Trillerpfeifen und Plakaten, die unter anderem riefen: „Wir haben kein Problem mit Keimen!“

Was hatte die Wut der Landwirte ausgelöst? Die ZEIT hatte einen Fokus gelegt auf die Bedrohung durch die Entstehung antibiotikaresistenter Keime in der Massentierhaltung, beziehungsweise auf das landwirtschaftliche System, das diese Art von Fleischherstellung organisiert. Die Landwirte fühlten sich als Sündenböcke abgestempelt, obwohl sie doch den Antibiotikaverbrauch schon reduziert hätten. Es kam Anfang Dezember zu einem Treffen mit Vertretern des Deutschen Bauernverbandes in der Berliner ZEITRedaktion. Nach der sachlichen Aussprache blieben Meinungsverschiedenheiten, aber auch eine Gemeinsamkeit: Allen ist wichtig, dass die Gefahr durch multiresistente Keime stärker in das Blickfeld der Öffentlichkeit rückt.

Es schrieben Mediziner, die uns vorwarfen, die Lage zu dramatisieren. Es schrieben Ärzte, die der Überzeugung sind, alles sei und werde noch viel schlimmer. Es meldeten sich Tierärzte, die sich diffamiert fühlten, und Tierärzte, die neue Missstände meldeten. ZEIT ONLINE registrierte mehr als 700 Nutzerkommentare. Viele Hinweise erreichten uns, die neue Recherchen ermöglichen.

Auch Wirtschaftsminister Gabriel meldete sich: „Als Sozialdemokrat schäme ich mich dafür, dass wir diese Zustände hier dulden. Ich werde mit allen Möglichkeiten, die das Bundeswirtschaftsministerium hat, dagegen vorgehen. Und das erwarte ich auch von allen anderen Behörden. Denn fast nichts von dem, was hier beschrieben wird, ist legal in Deutschland.“« (Quelle: ZEIT ONLINE 17.12.2014)

Die aufsehenerregende und preiswürdige Artikelserie zum Thema „Tödliche Keime“ erschien von November 2014 bis Januar 2015 in der Wochenzeitung DIE ZEIT und auf ZEIT ONLINE.

Die Beiträge im Einzelnen

20.11.2014

Multiresistente Keime: Das bringt uns noch um

In Deutschland sterben jährlich tausend Menschen an Bakterien, gegen die kaum ein Antibiotikum hilft. Eine Brutstätte für besonders gefährliche Keime rückt jetzt erst ins Blickfeld: Die Massentierhaltung.

Multiresistente Keime: Diese Keime töten

Recherchen zeigen: Die Gesellschaft unterschätzt massiv die Gefahr widerstandsfähiger Bakterien. Tausende fallen ihnen zum Opfer. Und bald könnte nichts mehr helfen.

21.11.2014

Massentierhaltung: Kann man trotz MRSA noch Fleisch essen?

Multiresistente Keime lauern auch im Supermarkt. Wer einige Regeln einhält, kann sich gegen die gefährlichen Bakterien schützen.

22.11.2014

Antibiotika: Das Wundermittel wirkt nicht mehr

Die wichtigste Waffe der Menschheit gegen gefährliche Bakterien ist stumpf geworden. Schon kleinste Wunden können tödlich sein.

23.11.2014

Antibiotika: Gefährliche Lieferungen

Damit Antibiotika billig bleiben, bestellen Pharmahersteller Wirkstoffe in China und Indien. Und produzieren so ungewollte Nebenwirkungen: Lieferengpässe und Resistenzen.

24.11.2014

MRSA: Margot G. rettet ihr Leben

Patienten und Ärzte kämpfen verzweifelt gegen multiresistente Keime, die sich durch Antibiotikamissbrauch in Tierställen und mangelnde Hygiene ausbreiten. Die Agrarlobby wiegelt ab.

25.11.2014

Keim-Resistenz: Den Ärzten auf die Finger schauen

Schlecht informierte Ärzte sind ein Problem. Aber auch Patienten können viel dafür tun, sich vor gefährlichen resistenten Keimen zu schützen.

26.11.2014

Charité: „Ich würde sie ins Zimmer sperren“

Wie gehen Krankenhäuser mit multiresistenten Keimen und Hygiene um? Nicht immer sauber. Eine Recherche in der Charité, Europas größtem Universitätskrankenhaus.

27.11.2014

Tiermedizin: Dauernd Stoff vom Arzt

Ohne Antibiotika würden viele Nutztiere bis zur Schlachtung gar nicht überleben – ein gutes Geschäft für Tiermediziner.

Kampf gegen Keime: Antibiotika-Resistenzen müssen G-7-Thema werden

Bakterien werden gegen Antibiotika immer unempfindlicher. Gut, dass Merkel die Gefahr erkennt und sie neben Klimaschutz und Armutsbekämpfung auf die Agenda setzen will.

28.11.2015

Resistente Keime: Pflichtlektüre für wache Bürger

Leser und Medien diskutieren kontrovers über den ZEIT-Titel der vergangenen Woche.

1.12.2014

Krankenhauskeime: Kein Pardon bei der Hygiene in Frankreich

Frankreich schützt Patienten besser vor multiresistenten Bakterien als Deutschland: Experten kontrollieren nicht nur das Personal, Mängel werden auch öffentlich gemacht.

2.12.2014

Isolierung: Marsmenschen im Krankenhaus

Wer im Krankenhaus isoliert wird, weil er multiresistente Keime trägt, kann in Panik geraten. Wie man solchen Ängsten begegnet, erklärt die Psychiaterin Piening-Lemberg.

3.12.2014

Hygiene im Krankenhaus: Weniger Tote, weniger Kosten

Deutsche Kliniken haben ein Problem mit multiresistenten Keimen. Was können sie dagegen tun? Fünf Maßnahmen, die gegen MRSA und andere Erreger helfen und nicht viel kosten.  

17.12.2014 

Fleischwirtschaft: Die Schlachtordnung

In einer idyllischen Gegend in Niedersachsen wird im Sekundentakt geschlachtet, immer schneller, immer billiger, immer schmutziger. Erledigt wird das Gemetzel von einer Geisterarmee aus Osteuropa.

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt: „Für uns nicht akzeptabel“

Was unternimmt die Politik gegen den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung? Ein Gespräch mit dem Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt.

Multiresistente Keime: „Als Sozialdemokrat schäme ich mich“
Die ZEIT-Serie über multiresistente Keime hat heftige Reaktionen ausgelöst.

7.1.2015

Antibiotika: Ein Newcomer schlägt endlich diesen Keim

Das Ende wirksamer Antibiotika naht. Viele helfen nicht mehr gegen gefährliche Keime. Die Suche nach neuen Mitteln führt zurück zu den Ursprüngen: ins Erdreich.

 

Die Autoren

Christian Fuchs, Sascha Venohr, Daniel Drepper, Haluka Maier-Borst, Klaus Brandt, Kai Biermann, Karsten Polke-Majewski, Daniel Müller, Phillip Faigle, Fritz Zimmermann, Anne Kunze und Stephan Lebert gehören zu 20 Reportern von ZEIT, ZEIT ONLINE, der Funke Mediengruppe und CORRECT!V, dem ersten deutschen gemeinnützigen, spendenfinanzierten Recherchebüro, die in ihrer umfangreichen Artikelserie auf ZEIT Online über das gefährliche System hinter den Keimen in Tierställen informieren. Unter dem Titel „Tödliche Keime“ verfasste das Reporterteam brandaktuelle journalistische Beiträge zu den vielfältigen gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen der Massentierhaltung in Deutschland Die erschütternde Berichterstattung dieser investigativen Journalisten wird mit dem Salus-Medien-Sonderpreis 2015 prämiert.

Beispielhaft präsentieren folgende Autoren und Beiträge die herausragende journalistische Qualität der Artikelserie:

Preistraeger_2015_Lebert StephanStephan Lebert, 1961 in München geboren ist Spross einer prominenten Journalistenfamilie. Er besuchte in seiner Heimatstadt die Deutsche Journalistenschule und war nach seiner Ausbildung für die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel und den Tagesspiegel tätig. 1998 wechselte er gemeinsam mit Giovanni di Lorenzo zum Berliner Tagesspiegel und 2004 wieder mit diesem zusammen zur ZEIT nach Hamburg. Dort entwickelte er das neue Magazin und betreute die Reporterriege. Seit September 2012 leitet er das neu gegründete Ressort für investigative Recherche. Lebert wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Egon-Erwin-Kisch-Preis und dem Herbert-Riehl-Heyse-Preis, und ist Autor mehrerer Bücher.

Preistraeger_2015_Daniel MüllerDaniel Müller, studierte Theaterwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Oslo. Volontariat an der Axel Springer Akademie, Stammredaktion WELT-Gruppe. Anschließend arbeitete er als Redakteur für Reportagen bei der Berliner Morgenpost und Welt am Sonntag. Seit 2012 bei der ZEIT, dort Redakteur im Investigativ-Ressort sowie Gerichts- und Kriminalreporter. Seine Arbeiten wurden unter anderem mit dem Wächterpreis und dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnet.

In ihrem Beitrag „Für uns nicht akzeptabel“ hinterfragen Lebert und Müller in einem Gespräch mit Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, was die Politik gegen den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung unternimmt.

Preistraeger_2015_Kunze AnneAnne Kunze, geboren 1981, ist Redakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT und arbeitet an sozialen, gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Themen. Immer wieder veröffentlicht sie investigative Geschichten zu Gesundheit und Ernährung. Sie hat Zeitgeschichte, Völkerrecht und Journalistik studiert, in Hamburg, Berlin, Rom und Mexiko-City. Als Publizistin veröffentlichte sie zwei Bücher zur Jugend in Deutschland und zum Journalismus.

In ihrer erschütternden Reportage „Die Schlachtordnung“ schildert Kunze das menschen- und tierunwürdige Gemetzel einer osteuropäischen Geisterarmee in deutschen Schlachthöfen.

In ihrer bewegenden Reportage „Die Rache aus dem Stall: Das bringt uns noch um“ dokumentiert Anne Kunze die industrielle Massentierhaltung als Brutstätte multiresistenter Keime. Sie schildert, wie Landwirte des Keimbefalls wegen zu „Risikopatienten“ werden und Besucher von Biobauernhöfen ihre Gesundheit riskieren.

Preistraeger_2015_christian_fuchsChristian Fuchs, 1979 geboren, ist Autor im Investigativ-Ressort der ZEIT. Er hat zuvor für den Rechercheverbund von NDR und Süddeutscher Zeitung gearbeitet und als freier Reporter im SZ-Magazin, Vanity Fair und bei Spiegel Online veröffentlicht. Gemeinsam mit John Goetz hat er die Bücher „Die Zelle – Rechter Terror in Deutschland“ und „Geheimer Krieg – Wie von Deutschland aus der Kampf gegen den Terror gesteuert wird“ geschrieben. Fuchs ist Gewinner des Civis-Medienpreises, des RIAS-Preises und wurde vom „medium magazin“ zu einem der „Journalisten des Jahres 2014“ gewählt.

In seinem Artikel „Dauernd Stoff vom Arzt“ schildert Fuchs die Aktivitäten zahlreicher Tiermediziner, die eine Marktlücke darin entdeckt haben, gesundheitlich angeschlagene Nutztiere mithilfe von Antibiotika bis zu ihrer Schlachtung am Leben zu erhalten.

Zur besonderen Motivation der Salus-Medienpreisträger schreibt Ressortleiter Stephan Lebert:

„Es ist die Zeit der Vertuschungen, der falschen Fährten, es ist die Zeit der Umdeutungen, der falschen Geschichten. Kaum eine Branche boomt so sehr wie die der sogenannten Berater, in Politik, in Wirtschaft, im Showbusiness. Wenn die Mächtigen dieser Republik tief in Problemen stecken, geben sie viel Geld aus, damit diese Problemgeschichten umgeschrieben werden. Damit sie in einem anderen, besseren Licht erscheinen. Der andere Schein soll eine andere Wirklichkeit schaffen.

Für den Journalismus bedeutet das eine weitere große Herausforderung. Es geht, wie immer, darum Hintergründe aufzudecken, den Kern einer oft dunklen Geschichte freizulegen. Aber zu einer guten journalistischen Arbeit gehört inzwischen auch fast immer, die Manipulationsversuche der Öffentlichkeit zu beschreiben. Die Medien insgesamt haben ein Imageproblem. Man nimmt sie immer öfter als Teil der Macht wahr und nicht als die dringend nötigen Kontrolleure der Macht. Investigative Recherche bedeutet nichts anderes als die Suche nach einem möglichst großen Stück Wahrheit.“ (Quelle: zeit.de 18. September 2012)